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ufahrt-I-1a.jpg - Die letzten Häuser, dann streicht ein roter Balken Wolfenbüttel vom Schild, es ist später Vormittag, 3 km noch bis Salzdahlum. Auf dem Kamm der Anhöhe halten wir an. Vor uns liegt in mildem Dunst ein weites Tal, Landwirtschaft, vereinzelt Höfe, rote Dächer, Hain und Hecken. Weit entfernt am Horizont die nächsten flachen Hügelketten. Dort unten muß es sein.
Wir steigen aus. Ein Feldweg quert, zwei Bauarbeiter stehen neben ihrem kleinen LKW und tun nicht viel. Unsere ersten Zeugen werden befragt. Die Atzumer Hügel sind ihnen unbekannt, wohl aber kennen sie den Atzumer Busch, die Straße, die diesen Namen trägt. Von einem Lustschloss haben sie nie gehört. Entmutigen lassen wir uns durch so etwas nicht. Wir haben gelesen, dass viele Bewohner der Gegend kaum etwas von dieser Geschichte wissen, dass sie meinen müssen, so etwas habe es nie gegeben. Das steht so im "Holzvulkan". Wir steigen wieder ein. Die oft geflickte Straße führt hangab geradewegs auf Salzdahlum zu, eine überschaubare Ansammlung von Gebäuden, mitten drin ein untersetzter Turm.

ufahrt-I-2a.jpg - In der Senke, vor einer dichten Hecke, geht rechts ein Weg nach Atzum ab, links, der Vorfahrt folgend, gelangen wir ins Dorf und parken an der Kirche. St. Jürgen, anno 1200, 92,62 Meter über N.N., kein Hinweis auf den Herzog, der hier mit eigenen Augen sehen musste, das Gebäude aus Stein locker 500 Jahre und älter werden können, ohne morsch zu werden. Wir umrunden den sakralen Bau, streifen umher. Kein herzögliches Denkmal, kein Grabstein, keine Steinplatte, nichts. Aber erst einmal ist alles interessant, vieles wird von uns fotografiert. Das Infobrett des Dorfvorstehers samt seiner Adresse, die Aushänge der politischen Parteien, die Bushaltestelle, der Schaukasten der Kirchengemeinde. Nachmittags probt hier ein Chor. Die mit Sicherheit betagten Sänger könnten wir fragen, sollten wir bis dahin keine Spur gefunden haben. Dann entdecken wir etwas, das uns ganz kirre macht: an der Durchgangsstraße, der Braunschweiger Straße, stoßen wir auf eine verwitterte Steinfigur, eine Büste, untersetzt, etwas über einen ufahrt-I-3a.jpg - Meter groß und hinter ihr ein Schild: "WENO Massivhaus. Bau was Vernünftiges." Stammt dieses altertümliche Ding aus dem Schloss? Das wäre denkbar. Auf dem Dach sollen sich mehr Putten befunden haben, als die Statik vertragen konnte, im Garten soll sich das allegorische Gedränge gegenseitig auf den Steinfüßen gestanden haben. Und das Schild? Stehen wir hier vor einer Ironie? Einer unverhohlenen Kritik an der herzöglichen Bauweise? Einem augenzwinkernden Verweis auf Salzdahlums architekturgeschichtliche Abgründe? Oder, je nach Perspektive, Höhenflüge? Schlägt hier jemand Kapital aus einer weit zurückliegenden Pleite? Gibt es hier also welche, die Bescheid wissen? Fragen über Fragen.

Zwei Gasthöfe im Ort teilen auf der rustikalen Speisekarte mit, dass sie erst um 17:00 Uhr öffnen. Wir betreten eine kleine Bäckerei, die auf Kunden wartet und fragen erst einmal nach regionalen Spezialitäten. Wir hätten zu gern ein Stück Anton-Ulrich-Torte probiert. Die scheint es nicht zu geben, die Frage löst Verwirrung aus. Wir ordern also ein gewöhnliches Brot und ernten einen zweiten ungläubigen Blick, als wir erklären, dass wir aus Dortmund und auf den Spuren des Herzogs, bzw. seinem Lustschloß wären. Wir fühlen uns wie Aliens, erfahren aber immerhin, dass es links die Straße runter eine kleine Hinweistafel geben dürfte, die vor einigen Jahren dort angebracht worden wäre. Mehr kann uns die Fachverkäuferin, die offensichtlich froh ist, dass wir den verlangten Laib sofort bezahlen wollen, hat sie es doch scheinbar mit drei Halbirren zu tun, die, so etwas hat man schon gehört, gefährlich werden können, höflich bedauernd auch nicht sagen. Ein weiterer Gast im Ladenlokal spielt den Unsichtbaren und hüllt sich dabei in vollendetes Schweigen.


ufahrt-I-4a.jpg - Wir gehen in die gewiesene Richtung. Salzdahlum ist übersichtlich, wir lassen den Wagen stehen. Am Heinebeeksweg liegt eine Postfiliale, die uns bereits bei der Ankunft aufgefallen ist. Ein alter Bruchsteinbau von landwirtschaftlichem Gepräge. Dond meint, es könne kein Fehler sein, dort mal schnell zu fragen, bald sei Mittag, die würden dann bestimmt schließen und falls es keine Antworten auf unsere Fragen gäbe, dann doch immerhin ein Eis. Am Haus hängt eine werbende Fahne. Ein Glücksgriff, Dond hat wieder einmal den richtigen Riecher.

Ein Paar um die vierzig betreibt das Geschäft. Beide hatten die Nase voll, wegen jeder Briefmarke rüber nach Wolfenbüttel zu müssen. Während er sich zunächst zurückhält und in rückwärtigen Räumlichkeiten rumpelt, erklärt sie, tatsächlich stehe die Post auf dem von uns gesuchten Gelände, auf dem vor langer Zeit das Schloß errichtet worden sei. Wir schauen nach unten, neben unsere Füße. Allerdings will sich das Gefühl, hier auf historischem Grund und Boden zu stehen, nicht sofort einstellen. Hatten wir nicht Enttäuschungen jeder Art bereits im Vorfeld ausgeschlossen?

Jetzt fühlen wir uns doch irgendwie desillusioniert. Viel sei von dem wundersamen Kasten ja nicht übrig geblieben, sagt sie, unsere Blicke vorsichtig deutend. Bis auf zwei, historisch allerdings eher belanglose Nebengebäude an der Braunschweiger Straße beim Ortsausgang, die so genannte Reitbahn und die Alte Wache, hätte bedauerlicherweise nichts den Abriß im Jahre 1813 überlebt. "Holz!" geben wir uns jetzt wissend und ernten ein verschwörerisches Lächeln. In der Post scheint man, zwischen Bewunderung, Zuneigung und Spott, ein lockeres Verhältnis zum barocken Regenten zu pflegen, unabhängig vom "Holzvulkan", den die Postler nicht zu kennen scheinen, denn Anspielungen auf das Buch lassen sie unbeantwortet.

Wir fragen nach der Steinfigur und erfahren, dass sie tatsächlich aus dem Schloß stammt, bzw. damals vor den Toren stand, als eine von zwei Wächterfiguren, die seinerzeit den Eingang flankierten. Im Dorf seien weitere Statuen zu finden, die meisten in privaten Gärten. Sie beschreibt uns deren Lage, wir sehen allerdings nur hohe und vor allem viel zu dichte Hecken, als wir uns später auf die Suche machen.
Zudem seien in vielen Salzdahlumer Häusern Säulen und Bögen des alten Schlosses verbaut, durchaus auch aus Stein, ein paar holzfreie Komponenten habe der Bau allem Anschein nach doch gehabt. Die Einwohner des Ortes hätten sich beim Abbruch das wenige, was noch irgendwie nützlich war, unter den Nagel gerissen. Zimperlich wäre da niemand gewesen.

Ein gewisser Stolz schwingt mit, als sie erzählt, auch sie besäßen ein historisches Original, einen alten Spieltisch, den sie vor Jahren per Zufall erstanden hätten, ohne genau zu wissen, welcher Herkunft er sei. Das hätten erst spätere Recherchen ergeben. Wäre sein alter Herr noch am Leben, beteiligt sich endlich auch ihr Gatte am Gespräch, der ehemalige Geschichtsdozent und passionierte Heimatforscher hätte uns garantiert für die nächsten Stunden mit Beschlag belegt. "Der Bibliothekar!" denken wir spontan, behalten es aber für uns.
Der Postler führt uns in einen Nebenraum, an der Wand hängt eine topographische Karte der Gegend. Deutlich erkennbar der aktuelle Straßenverlauf, der noch immer der historischen, hinter dem Parnass nach Westen hin gerundeten Gartenbegrenzung folgt. Eingezeichnet auch die jetzige Bebauung auf dem nordöstlichen Teil des Geländes, incl. Reitbahn, Wache, einem Bauernhof und der Post sowie die südöstlich angelegten Sportplätze.
Bei Ausschachtungen anlässlich des zweiten Fußballfeldes sei man auf Reste von Fundamenten gestoßen. "Und?" fragen wir elektrisiert. "Wieder eingegraben", lautet schlicht die Antwort. Wir beschließen, den Sportplatz mit Schmähungen zu belegen.

Wir erfahren, wo im Ort Hinweistafeln aufgestellt wurden, dass wir aber auf jeden Fall zurück nach Wolfenbüttel und dort ins Schlossmuseum müssen, denn dort wären etliche Teile der Inneneinrichtung ausgestellt. Auch gebe es einen Pavillon und einen Torbogen aus Anton Ulrichs Garten -angeblich aus dem Park, wie er hinzufügt, verbrieft sei die Herkunft nämlich nicht.
Zum Abschied kaufen wir unseren freundlichen und hilfsbereiten Informanten noch einen Stapel selbstgebastelter Postkarten ab. Sie zeigen das Salzdahlum von heute.

ufahrt-I-5a.jpg - Unsere Schritte werden sicherer. Nacheinander finden wir die Schautafeln, die alte Wache,








ufahrt-I-6a.jpg - die Reitbahn, den Sportplatz ("Pfui!!!"),










ufahrt-I-8a.jpg - den Rundweg um den ehemaligen Lustgarten, heute Wiese und Feld. Erdbeeren immerhin, wo einst die Eremitage zum Verweilen lockte. Andächtig schreiten wir einher, bewundern alles, was hier wächst und fragen uns,


ufahrt-II-10a.jpg - ob wohl das älteste an Busch und Baum vielleicht die Jahrhunderte überdauert und damals die flanierende Gesellschaft vor zudringlichen Blicken von außen geschützt haben mag.




ufahrt-I-7a.jpg - Obwohl wir wissen, dass Pleschinski die Allee aus abgehackten Linden erfunden hat, fotografieren wir am Rand der Wiese einen Stumpf. Auch, weil hinter ihm ein Bruchstein liegt, eine Rarität bei all den hölzernen Ungeheuerlichkeiten, die eine Zeitlang hier die Landschaft prägten. Es ist feucht genug für Brennnesseln. Tim, ganz in seiner Rolle als Wissenschaftler aufgehend, nimmt eine Bodenprobe. Weiter geht´s am Rand der Wiese entlang, Gesträuch säumt unseren Weg und
ufahrt-I-9a.jpg - plötzlich stehen wir auf der Landstraße nach Atzum, in unmittelbarer Nähe der Gabelung nach Wolfenbüttel. Wären wir, vom Hügel kommend, nicht abgebogen, sondern geradeaus ins Buschwerk gerauscht, wir wären nur zeitlich versetzt vor Anton Ulrichs Parnass zum Stehen gekommen.
Autor: Wolfgang Kienast  last change: 20.01.2005